Aktuell: Perl im Zweifel gegen den HSV?
17.06.2020
Weil die Sonne schon hinter der Westtribüne des Volksparkstadions verschwunden war, hatten die wenigen Medienvertreter, die auf dem Presseblock der Osttribüne sitzen durften, am Dienstagabend um 20.24 relativ gute Sicht, als es in der vierten und letzten Minute der Nachspielzeit der Zweitliga-Partie zwischen dem Hamburger SV sowie dem VfL Osnabrück noch einmal einen Eckstoß gab. Während Aaron Hunt den Ball von rechts hereinschlug, wurde Timo Letschert im Gäste-Strafraum vom frisch eingewechselten Osnabrücker Benjamin Girth niedergerungen. Obwohl Schiedsrichter Dr. Martin Thomsen (vom SV Donsbrüggen) nicht von der Sonne geblendet wurde, sah er die Szene vermutlich nicht – und zeigte deshalb nicht Girth die Gelbe Karte sowie auf den „ominösen“ Punkt, sondern zückte stattdessen „Gelb“ gegen den vehement protestierenden Letschert.

Merkwürdig ist allerdings, dass Video-Schiedsrichter Günter Perl (MSV München) sich nicht meldete. Der 50-Jährige hätte zumindest dahingehend intervenieren müssen, dass Dr. Thomsen sich selbst die Szene noch einmal auf dem Bildschirm anschaut. Und da der Referee aus Kleve in den vorherigen 94 Minuten eine sehr kleinliche Linie an den Tag gelegt hatte, hätte seine Entscheidung Strafstoß lauten müssen. Zu diesem Ergebnis kam neben mehreren TV-Experten auch das Fachmagazin „Kicker“. Und HSV-Coach Dieter Hecking haderte auf der Pressekonferenz, die für die auf der Osttribüne verharrenden Journalisten-Schar via Zoom-Konferenz übertragen wurde: „Wenn ich die Szene bei Sky sehe, muss ich den Schiedsrichtern und vor allem auch den Video-Assistenten hart kritisieren. Das ist ein ganz klarer Elfmeter, ich weiß nicht, warum Herr Perl da nicht eingegriffen hat von außen. Das ist für mich unentschuldbar, auch wenn wir den Sieg vielleicht heute aufgrund unserer Leistung nicht verdient hätten, hätten wir mit einem Elfmeter in der 90. Minute gewinnen und für das Spiel in Heidenheim eine ganz andere Ausgangssituation haben können. Da muss ich heute wirklich eine deutliche Kritik am Schiedsrichter-Gespann äußern – in der Szene gibt es für mich keine zwei Meinungen, das war ein klarer Elfmeter.“

Oder gilt bei Perl etwa das Motto „Im Zweifel gegen den HSV“? Zur Erinnerung: Vor gut zwei Jahren war es der Unparteiische aus dem bayrischen Pullach im Isertal, der am vorletzten Spieltag der Saison 2017/2018 als Video-Schiedsrichter eingriff, als Schiedsrichter Deniz Aytekin (TSV Altenberg) im HSV-Spiel bei der SG Eintracht Frankfurt das Tor von Tatsuya Ito zur 1:0-Führung der „Rothosen“ anerkannt hatte und auf Abseits votierte. Dies war insofern umstritten, als dass es die Anweisung an die Video-Schiedsrichter gab, dass sie „nur bei klaren Fehlentscheidungen eingreifen“ sollten – der Japaner Ito aber an jenem 5. Mai 2018 beim Pass von Hunt, wenn überhaupt, nur Zentimeter in der „verbotenen Zone“ stand ...

Nun war der Abstieg der „Rautenträger“ im Mai 2018 sicher nicht unverdient und auch keinesfalls nur auf Perls Intervention zurückzuführen, sondern mit zahlreichen Fehlentscheidungen sowie jahrelanger Misswirtschaft an der Elbe zu begründen. Aber wenn die Hamburger seinerzeit in Frankfurt mit 1:0 in Führung und als Sieger vom Platz gegangen wären, anstatt mit 0:3 zu verlieren, hätten sie am letzten Spieltag aus eigener Kraft den Relegationsrang 16 erreichen können. Durch die Niederlage am Main musste der HSV mit zwei Zählern Rückstand auf den Drittletzten VfL Wolfsburg den Gang in die Zweitklassigkeit antreten, während sich die „Wölfe“ in der Relegation gegen Holstein Kiel retteten (3:1 heim und 1:0 auswärts).

Aktuell bleibt festzuhalten, dass der HSV aufgrund seiner offensiven Ideenlosigkeit sowie einiger Abwehr-Wackler gegen die Osnabrücker keinen Sieg verdient gehabt hätte. Aber wenn Perl eingegriffen, Dr. Petersen auf den Punkt gezeigt und Hunt auch seinen fünften Elfmeter in dieser Saison verwandelt hätte, wäre Heckings Team sicher als Tabellen-Zweiter und vor allem mit einem Vier-Punkte-Vorsprung auf den Rang-Vierten 1. FC Heidenheim 1846 am Sonntag, 21. Juni zum direkten Duell in der Heidenheimer Voith-Arena angetreten. Sprich selbst im Falle einer Niederlage auf der Ostalb wären die „Rothosen“ im Klassement vor ihrem Gegner geblieben und hätten am letzten Spieltag am Sonntag, 28. Juni gegen den SV Sandhausen 1916 aus eigener Kraft zumindest das Erreichen des Relegationsrangs drei perfekt machen können.

Bleibt noch die Erinnerung daran, dass Perl, hauptberuflich Groß- und Außenhandelskaufmann, in der vergangenen Erstliga-Saison schon einmal als Video-Schiedsrichter versagte und den VfB Stuttgart, einen heutigen Aufstiegs-Konkurrenten des HSV, benachteiligte. Im Erstliga-Spiel der Schwaben bei Hertha BSC Berlin übersah er in der 37. Minute beim Stand von 0:0 ein klares Handspiel des Berliners Kerim Rekik, was er anschließend auch zugab. Der heute 50-Jährige entschuldigte sich sogar für seinen Fehler, den er damit begründete, dass er sich im Moment des Handspiels ein vorheriges Foul angeschaut habe. Diese Ausrede kann er für sein Nicht-Eingreifen am Dienstagabend nicht anführen – und die blendende Sonne auch nicht ...



Kommentare zum Artikel:
- das Leben im Konjunktiv (Markus Daun 17.06.2020 11:16)





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