Relegation: Der letzte Rettungsanker für die Rothosen
15.05.2014
Noch nie schloss der Hamburger SV eine Bundesliga-Saison als Drittletzter ab. In der Saison 2007/2008 hätte dies noch den direkten Abstieg in die Zweite Bundesliga bedeutet, doch im Sommer 2009 führte die Deutsche Fußball-Liga nach 18-jähriger Pause die Relegation wieder ein. Und so gibt es als letzten Rettungsanker für den „Bundesliga-Dinosaurier“ zwei Partien, in denen es um alles oder nichts, nämlich ein Erstliga-Ticket für die kommende Saison geht: Am Donnerstag, 15. Mai empfängt der HSV zum Relegations-Hinspiel den Zweitliga-Drittplatzierten SpVgg Greuther Fürth ab 20.30 Uhr in der Imtech-Arena. Am Sonntag, 18. Mai steigt ab 17 Uhr das allesentscheidende Relegations-Rückspiel in der Fürther Trolli-Arena. Dabei gilt die aus dem Europapokal bekannte Auswärtstor-Regel: Bei Gleichstand im Ergebnis zählen auswärts erzielte Treffer also mehr.

Der HSV stellte in dieser Saison bisher zahlreiche Negativmarken auf: Noch nie zuvor hatte es bei den „Rothosen“ zwei Trainerwechsel innerhalb einer Spielzeit gegeben, doch nun folgte zunächst im Herbst 2013 Bert van Marwijk auf Thorsten Fink, ehe Mitte Februar Mirko Slomka inthronisiert wurde (SportNord berichtete, siehe unten stehenden Link). Noch nie zuvor kassierten die Hamburger in einer Saison so viele Gegentore (74) und so viele Niederlagen (21). Und noch nie zuvor feierte der HSV so wenige Siege (sieben), holte so wenige Punkte (27) und wies eine so miserable Tordifferenz (minus 24) auf. Zahlen des Schreckens, die für die Relegation definitiv keinen Mut machen – zumal die Fürther mit der Empfehlung an die Elbe reisen, die meisten Tore aller Zweitligisten (64) geschossen zu haben. Besonders Ilir Azemi (15 Saisontreffer) scheint dafür prädestiniert zu sein, den zuletzt konstant patzenden HSV-Keeper Rene Adler zu bezwingen. Keine Frage: Objektiv betrachtet und nicht durch die „Hamburger Brille“ schauend, muss der geneigte Fußball-Beobachter zu dem Schluss kommen, dass der HSV einen Abstieg verdient hätte. Übrigens: Würde es noch die Zwei-Punkte-Regel geben, die 1995 abgeschafft wurde, wäre der HSV direkt abgestiegen, weil er dann hinter den „Remis-Königen“ vom 1. FC Nürnberg gelandet wäre. Ein Sturz in die Zweitklassigkeit wäre die Quittung für jahrelanges Missmanagement und falsche Entscheidungen nicht nur, was die Verpflichtung von Spielern (und das Nichterkennen von Talenten vor der Haustür und sogar im eigenen Verein) betrifft, sondern auch die „Trainer-Politik“. Eine klare Linie, was das Anforderungsprofil für einen Coach betrifft, suchte man in den letzten Jahren vergeblich beim HSV.

Im Falle eines Abstiegs stünde der HSV allerdings vor einer noch ungewisseren Zukunft: Dass so, wie es zuletzt zweimal Hertha BSC Berlin schaffte, der sofortige Wiederaufstieg gelingen würde, darf angesichts der großen finanziellen Not bezweifelt werden. An der Schuldenlast könnte der „Dino“ in der Zweiten Liga regelrecht ersticken, denn dort würden die Einnahmen deutlich sinken. Dass überhaupt eine solche Schuldenlast angehäuft wurde, ist sicher nicht nur die Schuld der heutigen Verantwortlichen, die noch daran zu knabbern hatten, dass vom vorherigen Vereinsvorstand um Bernd Hoffmann und Katja Kraus hohe Ausgaben, vor allem in Form von Ablösesummen, über mehrere Jahre gestreckt wurden. Das wäre vielleicht so lange gut gegangen, wie der HSV in einem internationalen Wettbewerb vertreten gewesen wäre. Weil aber im Mai 2010 die Europapokal-Teilnahme knapp verpasst wurde und die Hamburger seitdem vergeblich auf die Rückkehr ins internationale Geschäft hoffen, befinden sie sich in einem Teufelskreis: Vor allem die hohen Personalkosten sowie hohe Abfindungen (Frank Arnesen und van Marwijk, um nur zwei Namen zu nennen) auf der einen Seite, ausbleibender Erfolg auf der anderen Seite. Man würde dem Vorstandsvorsitzenden Carl Edgar Jarchow und Sportchef Oliver Kreuzer ein glücklicheres Händchen bei ihren Personalentscheidungen und eine Rückbesinnung auf das, was einst die hanseatischen Kaufleute ausmachte, wünschen: Nämlich nur das Geld auszugeben, was auch eingenommen wird. Und etwas mehr hanseatische Zurückhaltung würde Kreuzer auch in manchem Interview (Stichwort: „Die Bayern haben jetzt sicher keinen Bock, in Hamburg zu spielen!“) gut tun!

Aber: All das ist am Donnerstagabend nicht wichtig – nun geht es für alle Hamburger einzig und allein darum, gemeinsam die Liga zu halten. Für Hamburg, denn in dieser wunderschönen Stadt muss weiter Erstliga-Fußball gespielt werden. Was lässt auf einen Sieg im Hinspiel hoffen? Die Standard-Situationen von Hakan Calhanoglu vielleicht, den hoffentlich die Wechsel-Gerüchte nicht ablenken werden. Die Treffsicherheit und der vorbildliche Kampfgeist von Pierre-Michel Lasogga vielleicht, der sich hoffentlich nicht erneut verletzten wird. Jener von Hertha BSC nur ausgeliehene Lasogga war es übrigens, der den HSV am 24. September 2013 in der Zweiten Runde des DFB-Vereinspokals zum 1:0-Heimsieg gegen Fürth schoss. In der vergangenen Saison mussten sich die Hamburger am 2. März 2013 daheim mit einem 1:1-Unentschieden gegen den späteren Wiederabsteiger aus Franken begnügen. Damals trieb der Fürther Torwart Wolfgang Hesl die Hamburger wiederholt zur Verzweiflung – jener Hesl, der vom Januar 2004 bis zum August 2010 noch beim HSV seine sportliche Heimat hatte und in dieser Zeit immerhin sechs Pflichtspiele für die Erste Mannschaft bestritt. Auf der Gegenseite stehen in Slomkas Kader mit Ersatz-Keeper Sven Neuhaus, den beiden Innenverteidigern Lasse Sobiech und Heiko Westermann sowie Offensivmann Ivo Ilicevic gleich vier ehemalige Fürther. Vielleicht fühlen sich zumindest diese genannten HSV-Profis im Rückspiel am Sonntag ein bisschen heimisch, was helfen könnte, die Auswärtsflüche zu besiegen: Der HSV verlor seine letzten neun Auswärtsspiele allesamt, Slomka holte in dieser Bundesliga-Saison auswärts als Coach von Hannover 96 und Hamburg keinen einzigen Punkt. Umso wichtiger wäre eine gutes Ergebnis am Donnerstag ...


Die bisherigen Relegationsspiele zwischen der Ersten und Zweiten Bundesliga

Anmerkung: Der Zweitligist ist jeweils zuerst genannt.

1982: Kickers Offenbach – TSV Bayer 04 Leverkusen ... 0:1, 1:2
1983: Bayer 05 Uerdingen - FC Schalke 04 ... 3:1, 1:1
1984; MSV Duisburg – SG Eintracht Frankfurt ... 0:5, 1:1
1985: 1. FC Saarbrücken - DSC Arminia Bielefeld ... 2:0, 1:1
1886: SC Fortuna Köln – Borussia Dortmund ... 2:0, 1:3, 0:8 im Entscheidungsspiel
1987: FC St. Pauli – FC 08 Homburg ... 1:3, 2:1
1988: SV Darmstadt 98 – SV Waldhof Mannheim ... 3:2, 1:2, 4:5 n. E. im Entscheidungsspiel
1989: 1. FC Saarbrücken – SG Eintracht Frankfurt ... 0:2, 2:1
1990: 1. FC Saarbrücken – VfL Bochum ... 0:1, 1:1
1991: Stuttgarter Kickers - FC St. Pauli ... 1:1, 1:1, 3:1 im Entscheidungsspiel

2009: 1. FC Nürnberg – FC Energie Cottbus ... 3:0, 2:0
2010: FC Augsburg – 1. FC Nürnberg ... 0:1, 0:2
2011: VfL Bochum – VfL Borussia Mönchengladbach ... 0:1, 1:1
2012: Fortuna Düsseldorf - Hertha BSC Berlin ... 2:1, 2:2
2013: 1. FC Kaiserslautern – TSG 1899 Hoffenheim ... 1:3, 1:2

Link: SportNord-Bericht vom 17.02.2014 über den Wechsel von Mirko Slomkas zum Hamburger SV


Kommentare zum Artikel:





zurück

Druckversion